Sonntag, 19. Mai 2013

In den Bergen


Nun ist es soweit, dass die Erntezeit losgeht. So zogen am Morgen Frauen mit bunten Strohhüten durch die Felder und pflückten, um einiges schneller als ich, die Blätter von den Teebüschen. Zwei Blatt, eine Blattknospe, so soll es sein für einen guten Tee.



Wenige Stunden später lagen die Teeblätter zum Dörren auf riesigen Tüchern auf dem Hof der Teefabrik in den Bergen. Am nächsten Tag nahmen sie verschiedene Wege. Ein Teil wurde zum Rollen verwendet, wobei eine Maschine die Teeblätter mehrere Stunden in Rotationsbewegung gegen eine unebene Metalloberfläche bewegt, damit die Blätter gerollt und gebrochen werden. So kann der austretende Saft mit Sauerstoff reagieren  und der Tee oxidieren. Nach einigen Stunden kommt dann die Vorstufe des Schwarzen Tees (im chinesischen „Roter Tee“) heraus. Dann durchlief dieser Tee noch einige Trocknungsstufen, um dann endlich Schwarzer Tee zu sein.


Ein anderer Teil wurde in einer Röstmaschine bei 300 Grad erhitzt. So verdampft sehr schnell sehr viel Wasser und derschon begonnene Oxidationsprozess wird damit gestoppt, worauf eine Ruhephase folgte, in der die Blätter abermals eine leichte Oxidierung durchlaufen. Am nächsten Tag wurden die Blätter zum einen zu Grüner Oolong und zum anderen zu Roter Oolong verarbeitet.

Während des Dörrens in der Sonne kamen irgendwelche Nachbarbauern, um mit meinem Teemeister zu reden, als es plötzlich, wie so oft, anfing zu regnen. Und ohne ein Wort zu sagen, halfen alle, um den ausgebreiteten Tee unters Dach zu bringen. Aber das ist sicher üblich bei Landwirten.

Das Dörren in der Röstmaschine dauerte mehrere Stunden und so kam es dazu, dass mein Teemeister „kurz“ weg musste. Er sagte, dass er in ca. 30 min wieder zurück sei. Dazu muss man sich vorstellen, dass wir mitten in den Bergen waren, mit engen und kurvenreichen Straßen, die man nur langsam befahren kann. Er wies mich an, mit dem Dörrvorgang weiterzumachen. Jede Ladung, ca. 5kg, bleibt etwa für 10 min in der Maschine, wobei auf die Rotationsgeschwindigkeit zu achten ist und durch Befühlen der Blätter zu entscheiden ist, wann der Tee soweit ist, dass dieser Vorgang gestoppt werden kann. Ich war etwas erschrocken, dass der Meister mir eine so verantwortungsvolle Aufgabe überträgt aber pflichtbewusst habe ich diese übernommen. Nach kurzer Zeit realisierte ich aber, dass ich in finsterer Nacht, etwa 22 Uhr, einsam in den Bergen in 1500 Metern Höhe,  allein in der Wildnis, umgeben von Wildschweinen, Schlangen von 4-5 Meter Länge, taiwanesischen Schwarzbären und vielen Kleintieren war.  Das nächste  bewohnte Haus war mehr als 5 km entfernt im Tal, ansonsten nur Teefelder und Wald.
Und natürlich dauerte es wesentlich länger als 30 min, bis mein Meister wieder zurückkam. Nach einer kurzen Kontrolle befand er aber meine Arbeit für gut, wobei mir ein Stein vom Herzen viel, da ich schon befürchtete, die Hälfte der Ernte verdorben zu haben. Nachts um 1 Uhr haben wir dann endlich die Heimfahrt angetreten.

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